Grundsätzliches zum Anwaltsberuf und zu meinem Verständnis von ihm

Vertrauen ist das Grundkonzept einer Mandatsbeziehung, wie eigentlich jeder Beziehung zwischen Menschen überhaupt. Ob Sie ganz kühl und kaufmännisch eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen – bringt der Anwalt mir voraussichtlich mehr, als er mich kostet? – oder ob Sie in existenzieller Not sind und schlicht nicht mehr ein noch aus wissen – oder irgendeine Abstufung dazwischen: immer geben Sie Ihr wirtschaftliches oder sogar menschliches Schicksal ein Stück weit aus der Hand, wenn Sie sich einem Anwalt anvertrauen.

Das fällt nicht leicht; und das ist auch nicht leicht – vor allem wenn Sie den Betreffenden noch gar nicht kennen. So weit das „auf Distanz“ überhaupt möglich ist, möchte ich Ihnen die Angst vor dem Unbekannten aber nehmen:

  • Einer der häufigsten Sätze, die ich im Lauf oder gegen Ende eines Gerichtsverfahrens oder Mandats zu hören bekam, ist: „Sie sind gar nicht so, wie ich mir einen Staatsanwalt / Richter / Rechtsanwalt vorgestellt habe!“ Und das war in 97 % der Fälle positiv gemeint: ein ganz normaler Mensch nämlich, der zuhört und mit dem man reden kann, und keiner, der nur eine „Rolle ausfüllt“. – Nicht alle kommen damit klar - manchen verstört es, wenn seine Vorstellung, wie ein Anwalt „sein sollte“, nicht erfüllt wird. Manche Menschen brauchen den Würdenträger, den Robenträger, den Anzugträger, den Schlipsträger, sie fokussieren sich auf die Rolle, das Formale. Das ist nicht falsch – die Form gibt auch Sicherheit – und natürlich weiß ich sie zu wahren und auszufüllen. Aber sie ist kein Selbstzweck. Auch eine Gerichtsverhandlung ist – oder sollte sein – ein Gespräch; und auch ein Schriftsatz ist ein Brief: in einer Fachsprache, vielleicht – aber nicht in einer Geheimsprache. Das Recht und die Arbeit mit dem Recht ist ein kommunikativer Vorgang.

  • Noch häufiger höre ich: Danke, dass Sie mir das so verständlich erklärt haben! Als Anwalt bin ich ein Übersetzer, und ich bin ein Lotse. Übersetzer, weil die Rechtssprache wie jede Fachsprache nicht identisch ist mit der Alltagssprache. Das hat nichts mit Standesdünkel oder Geheimwissen der Juristen zu tun, das ist in einem gewissen Ausmaß unvermeidlich. Wie die Wissenschaftlerin, die Technikerin, der Künstler, die Handwerker ganz präzise und durchaus auch spezielle Begriffe verwenden, verwenden müssen, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, so auch der Rechtsanwender. Lotse bin ich, weil das Justizsystem eine ganze eigene kleine Welt bildet. Es ist keine Schande, sich darin nicht auf Anhieb auszukennen – es ist schlicht viel Gewohnheit und Übungssache dabei.

    Um einen meiner Lieblingssprüche aus meinem früheren Leben als Physiker zu zitieren: „Wir haben die Quantenmechanik nicht verstanden; aber wir haben uns an sie gewöhnt.“ Manchmal ist es mit der Justiz nicht anders. Der Lotse kann dem Kapitän auch nicht erklären, „warum“ die Unterwasserfelsen da liegen, wo sie liegen. Er kann ihn nur darauf hinweisen, dass sie da liegen, wo sie liegen.


    Ich bin Ihr Lotse, weil ich das System von allen drei Seiten kenne: als Entscheider, als Parteivertreter wie auch in verschiedenen Kontexten als Betroffener, als Partei. Kluge Juristen vermeiden Prozesse in eigener Sache – aber manchmal bleibt das eben nicht aus.

    Ich bin Ihr Übersetzer, weil ich mich bemühe, für jede Mandantin, jeden Mandanten die ihr oder ihm angemessene Sprache zu finden – je nach Bedürfnis, Bildung, Herkommen, Vorerfahrungen, Verständnismöglichkeiten. Manche brauchen einfache, klare Worte oder Bilder – andere brauchen Trost und Zuspruch – wieder andere wollen jedes Detail in höchst- und fachsprachlicher Genauigkeit erklärt haben. Ich liefere: so wie Sie selbst es wollen! Und wenn ich mich vertun sollte: Sprechen Sie mit mir! Herr Naundorf, Ihre Schachtelsätze sind mir zu kompliziert – Herr Naundorf, ich bin kein kleines Kind mehr, für mich brauchen Sie die Komplexität der Angelegenheit nicht zu reduzieren. Sie sind der Chef, Sie entscheiden nicht nur, was ich für Sie tue, sondern auch, wie ich mit Ihnen umgehe. Fast alle Mandanten bescheinigen mir, dass ich das gut kann: ihnen das Verständnis aufzuschließen, was eigentlich vor sich geht, wie die Abläufe sind, wie das System „tickt“.

  • Last but not least bin ich als Anwalt natürlich Interessenvertreter meiner Mandanten und somit, anders als weiland im Justizdienst, zutiefst parteiisch – für Sie nämlich. Es ist aber nicht grundlos, dass ich diesen Punkt nicht an die erste Stelle gerückt habe. Gerade erfolgreiche Interessenvertretung erfordert Augenmaß, „blindwütige“ Interessenvertretung schadet dem Mandanten auf die lange Strecke mehr, als sie nutzt – das ist meine Überzeugung und meine Erfahrung. Wir haben uns in der Vergangenheit überaus ehrgeizige Ziele gesteckt und sie dann auch, gegen die vermeintlichen Kräfteverhältnisse und gegen den Augenschein des vermutet Möglichen ganz überwiegend erreicht (s. Über mich).

    Aber Wesenskern anwaltlicher Tätigkeit ist die professionelle Distanz zum Fall und zum Mandanten: man muss auch Rat erteilen können, der nicht „schmeckt“, so wie der Arzt bittere Medizin verabreicht oder eine Untersuchung oder Behandlung vornimmt, die schmerzt. Es ist nicht meine Aufgabe, Ihnen oder Ihren Kunden nach dem Munde zu reden, und wenn Sie das wollen, sind Sie bei mir falsch. Sie bestimmen das Ziel - aber ich bestimme den Weg dorthin.

    Vor langen Jahren sagte mir die Personalleiterin (heute wohl: Human Resources Manager) einer Kanzlei im Vorstellungsgespräch: „Das Wort ‚Nein‘ gegenüber unseren Mandanten kennen wir nicht.“ Leider die Devise einer Vielzahl von Wirtschaftskanzleien dieses Landes: Interessenvertretung mit allen Mitteln, um jeden Preis und immer und unbedingt dem Mandantenwillen folgend. Falsch, ganz falsch – solche „Kollegen“ sehe ich, sehen Sie mir das harte Wort nach, als eine Art Zombie an: Untote ohne eigenen Willen, die ferngesteuert dem Willen eines „Meisters“ folgen und nicht, wie es das Berufsrecht nennt, unabhängige Organe der Rechtspflege sind.

    Vor einem solchen Berufsverständnis graust es mir! Und das sage ich nicht aus feinsinniger Moralität, sondern ganz ergebnisorientiert: Solcherlei Tätigkeit ist höchstens kurzfristig und scheinbar erfolgreich. Widerspruch, wenn nötig auch in schärfster Form, gegen Unrecht und Uneinsichtigkeit – bin ich dabei. Kämpfen gegen „das war schon immer so“ und „das machen wir hier aber so“, gegen Denkfaulheit und Schlendrian und so weiter – tue ich mit größtem Einsatz. Aber auch den Mandanten vor sich selbst, ggf. vor der eigenen Uneinsichtigkeit zu schützen kann anwaltliche Aufgabe sein. Auch für meine liebsten und besten Mandanten leiste ich keinen Meineid.

  • Letztlich ist es wichtig, in den Blick zu nehmen: Der Anwalt hat das Ergebnis einer Verhandlung oder eines Prozesses nicht in der Hand. Wie der Arzt nicht die Gesundung des Kranken schuldet, sondern nur die kunstgerechte Behandlung, so auch der Anwalt nicht den Sieg, sondern die bestmögliche Vertretung. Das zu akzeptieren heißt nicht zu resignieren – es ist mir nicht egal, ob Sie gewinnen oder verlieren. Aber ich habe das in letzter Instanz nicht zu verantworten.

    Ein häufig gehörter Vorwurf an die Anwaltschaft: Na die verdienen ja immer. Das stimmt! Aber das muss so sein; denn der Anwalt hat weder den Verhandlungspartner noch das Gericht in der Hand – er ist nicht der Entscheider. Deswegen wird er für seine Arbeit bezahlt, nicht für deren Ergebnis. Ich werde Ihnen immer eine realistische Prognose liefern – ich werde Sie nie auf eine Reise mitnehmen, von der ich selbst nicht glaube, dass sie gut ausgehen kann, außer Sie wollen es ausdrücklich so – doch gleichwohl bleibt immer eine nicht beseitigbare Ungewissheit: es sind noch andere Menschen im Spiel, und Menschen sind nie zu 100 % vorausberechenbar. Und das ist auch gut so! Eine Justiz, die mit Computern und Algorithmen arbeitet, mag ich mir nicht vorstellen – da sind mir leibhaftige Menschen trotz all ihrer Schwächen und Unzulänglichkeiten lieber. Denn mit denen kann man wenigstens reden. Und das kann ich ziemlich gut.